Ketosteroide
20 % oder 40 % Ketosteroide: Was die Zahl auf dem Etikett wirklich bedeutet
Warum zwei Cissus-Produkte mit „40 %“ nicht dasselbe enthalten müssen, wie die Zahl gemessen wird und wie du Etiketten trotzdem sinnvoll vergleichst.
Veröffentlicht am 25. Oktober 2026 · 9 Min. Lesezeit
Wer Cissus quadrangularis kaufen möchte, stößt schnell auf eine Zahl, die alles zu entscheiden scheint: „standardisiert auf 40 % Ketosteroide“. Daneben stehen Produkte mit 20 %, manche nennen gar keinen Wert. Die naheliegende Schlussfolgerung: 40 ist doppelt so gut wie 20.
So einfach ist es leider nicht. In diesem Artikel erklären wir, woher die Zahl kommt, warum sie so schwer zu vergleichen ist und was du stattdessen anschauen kannst.
Was sind „Ketosteroide“ in Cissus überhaupt?
Chemisch ist ein Ketosteroid ein Molekül mit dem typischen Vier-Ring-Gerüst der Steroide und einer Keto-Gruppe (C=O). Der Begriff klingt nach Hormon, und genau das macht ihn für Werbung attraktiv: „natürliche Steroide“ für Muskelaufbau.
In Cissus sind solche Verbindungen allerdings kaum genau beschrieben. Die ersten Berichte über ein „Oxo-Steroid“ aus der Pflanze stammen aus den 1960er-Jahren, die genaue Struktur blieb offen. Gut beschrieben sind dagegen Pflanzensterole und Triterpene wie β-Sitosterol, Friedelin, α-Amyron und β-Amyrin. Einige davon tragen tatsächlich eine Keto-Gruppe, sind aber keine Hormone im menschlichen Sinn.
Eine Forschungsgruppe des indischen Herstellers Himalaya schrieb 2016 in einer vielzitierten Arbeit, sie habe keinen Bericht gefunden, der androgene (also testosteronähnliche) Steroide in Cissus belegt.
Wie die Zahl gemessen wird
Hier liegt der Kern des Problems. Es gibt keine offizielle, standardisierte Analysemethode für „Ketosteroide in Cissus“. In der Praxis wird meist ein Ether-Auszug bestimmt: Man prüft, welcher Anteil des Extrakts sich mit dem Lösungsmittel Ether herauslösen lässt. Das läuft so ab:
- Extrakt in einem Lösungsmittel lösen,
- mit Ether die fettlöslichen Bestandteile herauslösen,
- mit Lauge und Wasser waschen,
- trocknen und den Anteil des Rückstands am Extrakt bestimmen.
Das Gewicht dieses Rückstands, bezogen auf die Extraktmenge, ist dann der „Ketosteroid-Gehalt“.
Das Problem: Ether löst nicht gezielt Ketosteroide, sondern alles, was ähnlich fettlöslich ist. Pflanzensterole, Triterpene, Wachse. Gemessen wird also eine ganze Stoffgruppe, nicht ein bestimmter Wirkstoff.
Gleicher Extrakt, neunfach anderer Wert
Wie stark die Methode das Ergebnis beeinflusst, zeigt die Himalaya-Studie eindrücklich. Die Forscher haben dieselben Extrakte mit zwei im Handel üblichen Verfahren gemessen:
| Extrakt | Methode A | Methode B |
|---|---|---|
| Ethylacetat-Extrakt | 1,40 % | 12,92 % |
| CO₂-Extrakt | 2,90 % | 17,0 % |
| Wasser-Extrakt | 0,21 % | 0,37 % |
Beim Ethylacetat-Extrakt liefert Methode B also mehr als den neunfachen Wert. Laut den Autoren ist Methode B bei Rohstoffherstellern verbreitet. Beide Zahlen könnten legal als „Ketosteroid-Gehalt“ auf einem Etikett stehen.
Zum Vergleich: Der Forschungsextrakt in den frühen Gewichtsstudien der 2000er-Jahre war auf 2,5 % Ketosteroide standardisiert (Greenway & Bray 2010). Ob heutige 40-%-Produkte wirklich 16-mal mehr enthalten oder nur anders gemessen werden, lässt sich von außen nicht sagen.
Mehr Ketosteroide = mehr Wirkung?
Auch das hat die Himalaya-Studie geprüft. Ratten bekamen drei Extrakte mit sehr unterschiedlichem Ketosteroid-Gehalt. Bei den Knochenwerten schnitt ausgerechnet der Wasser-Extrakt mit den wenigsten Ketosteroiden am besten ab. Einen Anstieg des Testosterons gab es bei keinem Extrakt.
Wichtig: Himalaya verkauft selbst einen Wasser-Extrakt, das Ergebnis kommt dem Unternehmen also gelegen. Unabhängig bestätigt wurde es bisher nicht. Aber umgekehrt gilt genauso: Es gibt keinen Beleg, dass ein höherer Ketosteroid-Wert eine stärkere Wirkung bedeutet. Eine Studie fand eher das Gegenteil.
Wie du Etiketten trotzdem sinnvoll vergleichst
Die Prozentzahl allein sagt wenig. Diese Angaben helfen mehr:
- Milligramm Extrakt pro Kapsel. Nicht das „Drogenäquivalent“ (z. B. „4.800 mg“), sondern die tatsächliche Extraktmenge.
- Milligramm pro Tagesdosis. Rechne Extrakt × Prozent × Kapseln pro Tag. Unser Rechner macht das für dich.
- Analysemethode. Nennt der Hersteller die Methode, z. B. HPLC oder Ether-Auszug? Das ist selten, aber ein gutes Zeichen.
- Analysezertifikat pro Charge. Seriöse Anbieter schicken es auf Anfrage.
- Widerspruchsfreiheit. Wir haben Produkte gefunden, bei denen Shop, Etikett und Nährwerttabelle unterschiedliche Werte nennen, etwa 20 % im Titel und 40 % in der Tabelle.
Rechenbeispiel
Zwei Produkte, beide mit „Ketosteroiden“:
- Produkt A: 400 mg Extrakt, 40 %, 1 Kapsel täglich → 160 mg pro Tag
- Produkt B: 700 mg Extrakt, 20 %, 1 Kapsel täglich → 140 mg pro Tag
Die „doppelt so hohe“ Prozentzahl bringt also nur 14 % mehr pro Tag. Und wenn A mit Methode B und das andere Produkt mit Methode A gemessen wurde, kann es sogar umgekehrt sein.
Fazit
Die Ketosteroid-Zahl ist ein Marketingwert mit unklarer Messgrundlage. Wir zeigen sie im Produktvergleich trotzdem an, weil Hersteller damit werben und du nachrechnen können sollst. Aber wir bewerten zusätzlich, wie transparent die Angaben sind. Ein Hersteller, der Extraktmenge, Pflanzenteil, Methode und Analysezertifikat offenlegt, verdient mehr Vertrauen als einer mit der höchsten Prozentzahl.
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