Hintergrund
Hadjod, Asthisamharaka, Veld Grape: Die Geschichte der „Knochenheiler“-Pflanze
Vom Ayurveda-Klassiker zum Fitness-Supplement: wie Cissus quadrangularis zu ihrem Ruf kam, wie sie aussieht und wo sie wächst.
Veröffentlicht am 25. Oktober 2026 · 7 Min. Lesezeit
Kaum eine Pflanze hat so sprechende Namen wie Cissus quadrangularis. Auf Sanskrit heißt sie Asthisamharaka, „die die Knochen zusammenfügt“. Auf Hindi Hadjod, „Knochenverbinder“. Im südlichen Afrika nennt man sie Veld Grape, Steppenrebe. Jeder Name erzählt ein Stück ihrer Geschichte.
Eine Rebe mit vier Kanten
Cissus quadrangularis gehört zur Familie der Weinrebengewächse (Vitaceae), ist also mit der Weinrebe verwandt. Auffällig sind ihre vierkantigen, fleischigen Stängel, die in Abschnitte gegliedert sind und an Bambus oder eine Kette aus grünen Gliedern erinnern. Daher der Artname quadrangularis, „vierkantig“.
Die Pflanze ist eine Kletterpflanze: Mit Ranken hält sie sich an Büschen und Bäumen fest. Die herzförmigen Blätter sind klein und fallen in Trockenzeiten oft ab. Dann übernimmt der grüne Stängel die Photosynthese. Als Sukkulente speichert sie Wasser und übersteht lange Trockenperioden.
Verbreitet ist sie in den trockenen Tropen und Subtropen: in Indien, Sri Lanka, Südostasien, auf der Arabischen Halbinsel und in weiten Teilen Afrikas.
Im Ayurveda: Knochen, Verdauung, Hämorrhoiden
In der ayurvedischen Tradition ist Cissus vor allem als Mittel bei Knochenbrüchen bekannt. Der Stängel wurde zerdrückt und als Paste aufgelegt oder mit Ghee und Milch eingenommen. Daneben finden sich in traditionellen Texten Anwendungen bei Verdauungsbeschwerden, Hämorrhoiden, Menstruationsbeschwerden, Asthma und Hautkrankheiten.
Die Pflanze ist Bestandteil klassischer Rezepturen wie Laksha Guggulu, das bei Knochen- und Gelenkbeschwerden eingesetzt wird. In Teilen Indiens werden junge Triebe und Blätter auch als Gemüse oder in Chutneys gegessen.
Von der Tradition ins Labor
Ab den 1960er-Jahren begannen indische Forschende, die traditionellen Anwendungen zu untersuchen. Frühe Tierversuche berichteten eine schnellere Knochenheilung, und es wurden Inhaltsstoffe isoliert: Phytosterole wie β-Sitosterol, Triterpene wie Friedelin und Amyrin, Flavonoide wie Quercetin, Stilbene wie Resveratrol und die nach der Pflanze benannten Quadrangularine.
In dieser Zeit tauchte auch der Begriff der „Ketosteroide“ auf, der später zum wichtigsten Werbeargument werden sollte. Warum er wissenschaftlich auf wackligen Beinen steht, erklären wir in Ketosteroide erklärt.
Vom Ayurveda ins Fitnessstudio
In den 2000er-Jahren wurde Cissus in den USA als Sportsupplement vermarktet, beworben mit Schlagworten wie „anabol“, „Gelenkschutz“ und „Cortisol-Blocker“. Parallel erschienen Studien aus Kamerun zum Abnehmen. Seitdem ist Cissus fester Bestandteil des Supplement-Marktes, in Kapseln mit oft großen Zahlen auf dem Etikett.
Was davon bleibt
Die traditionelle Verwendung ist gut dokumentiert und hat Forschende zu Recht neugierig gemacht. Tradition ist aber kein Wirknachweis. Was moderne Studien bisher zeigen und wo die Lücken sind, fassen wir auf der Seite Studien zusammen.
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