Studie zerlegt · Gelenke & Entzündung
Bloomer et al. 2013: Cissus gegen Gelenkschmerzen bei trainierenden Männern?
Die meistzitierte Sportstudie zu Cissus: 29 Männer, 3.200 mg täglich, 31 % weniger Gelenkbeschwerden. Klingt gut, bis man liest, was mit der Placebogruppe passiert ist.
- Intervention
- 3.200 mg Cissus täglich (4 Kapseln à 800 mg, Produkt „SuperCissus“)
Kurz gesagt: Die Beschwerden sanken im Fragebogen um rund 31 %. Weil versehentlich alle Teilnehmer Cissus bekamen, fehlt aber der Placebovergleich, und genau der wäre bei Schmerz entscheidend.
Grundlage unserer Analyse: Volltext der Originalarbeit
Die Studie auf einen Blick
- Untersucht 29 Menschen trainierte Männer mit Gelenkbeschwerden
- Dauer 8 Wochen Balken: Anteil an einem Jahr
- Dosis 3,2 g pro Tag (SuperCissus)
- Geldgeber vom Hersteller teilfinanziert von USPlabs, dem Hersteller des Produkts
- Zellkultur
- Tierstudie
- Mensch ohne Vergleichsgruppe ← diese Studie
- Mensch mit Placebogruppe
- Zusammenfassung vieler Studien
Je höher die Stufe, desto besser lässt sich ein Ergebnis auf Menschen übertragen.
- Am Menschen : ja 29 Männer zwischen 20 und 46 Jahren
- Placebogruppe : nein versehentlich bekamen alle Cissus
- Verblindet : teilweise Teilnehmer glaubten, sie könnten Placebo bekommen
- Ausreichend groß : nein 29 Personen in einer Gruppe
- Unabhängig : nein Herstellerfinanzierung
- WOMAC-Gesamtwert
- vor Beginn: 25,4 Punkte
- nach 8 Wochen: 17,4 Punkte
WOMAC-Gesamtwert, niedriger ist besser: rund 31 % weniger Beschwerden. Ohne Placebogruppe lässt sich der Placeboeffekt nicht herausrechnen.
Die Ausgangsfrage
Wer viel und schwer trainiert, kennt sie: Knie, Schultern und Ellbogen, die nach dem Training ziehen. Glucosamin und MSM sind die Klassiker gegen solche Beschwerden. Bloomer und Kollegen von der University of Memphis wollten wissen, ob Cissus quadrangularis hier helfen kann.
Das Studiendesign: geplant und tatsächlich
Geplant war eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie, also das beste verfügbare Design.
Tatsächlich passiert ist laut den Autoren Folgendes: Durch ein Missverständnis mit dem Lohnhersteller enthielten alle gelieferten Kapseln Cissus. Bemerkt wurde das erst, als die Studie schon lief. Die Teilnehmer glaubten weiter, sie hätten eine 50:50-Chance auf Placebo. Die Forscher werteten die Daten deshalb als einfache Vorher-nachher-Studie aus.
Die Autoren legen das offen, was ihnen anzurechnen ist. Für die Aussagekraft ist es aber ein großes Problem.
Die Ergebnisse
- Der WOMAC-Gesamtwert (ein Fragebogen zu Gelenkschmerzen, Steifheit und Funktion) sank von 25,4 auf 17,4 Punkte, also um rund 31 %.
- Schmerz- und Funktionswerte sanken jeweils um rund 33 %.
- Keine Veränderungen bei Ruhepuls, Blutdruck oder Blutwerten.
- Keine berichteten Nebenwirkungen; die Einnahmetreue lag bei 87 %.
Warum 31 % weniger Schmerz wenig beweisen
Schmerz ist ein subjektives Maß, und genau hier sind Placeboeffekte besonders stark. Dazu kommt die Regression zur Mitte: Menschen melden sich für eine Schmerzstudie typischerweise dann, wenn ihre Beschwerden gerade besonders ausgeprägt sind. Danach bessern sich Beschwerden oft von selbst, ganz ohne Mittel.
In vielen Studien zu Gelenkschmerzen verbessert sich auch die Placebogruppe deutlich. Ohne Vergleichsgruppe wissen wir schlicht nicht, wie viel der 31 % auf Cissus zurückgeht und wie viel auf Erwartung, Zeit und Zufall.
Weitere Punkte:
- Herstellerfinanzierung: USPlabs hat die Studie mitfinanziert und das Produkt geliefert.
- Nur junge, gesunde Männer: Für Frauen, Ältere oder Menschen mit Arthrose sagt die Studie nichts.
- Unbekannte Zusammensetzung: Wie viel Extrakt und welche Inhaltsstoffe in den 800-mg-Kapseln steckten, geht aus der Arbeit nicht im Detail hervor.
Fazit
Die Studie ist ein interessanter Anfangsverdacht, mehr nicht. Die Autoren selbst schreiben, dass weitere Studien mit Placebogruppe nötig sind. Dass diese Arbeit dennoch häufig als Beleg zitiert wird, sagt einiges über die dünne Studienlage aus.
Mehr dazu in unserem Blogartikel Cissus und Gelenke im Training.